David Bosshart stellt zu Anfang seines Referates Bemerkenswertes fest: «Wir reisen, weil wir reisen können.» In dieser einfachen Aussage steckt die ganze Komplexität, die den Tourismus beeinflusst, und sie bringt die verschiedensten Faktoren, die in der Zukunft wirken, auf einen gemeinsamen Nenner.
Hauptaspekt und grösste Triebfeder für die Veränderungen der Reisebranche stellt die Globalisierung der Wirtschaft dar. Freie Märkte, technologische Entwicklungen und der Wissenstransfer ermöglichen das Reisen in die ganze Welt. Wer über die Technik, das Geld oder auch die politischen Strukturen verfügt, der reist. Gleichzeitig findet man hier aber auch die grössten Gefahrenpotentiale, denn die Globalisierung bedeutet immer auch eine gegenseitige Abhängigkeit und verlangt von allen Seiten ein hohes Mass an Koordination. Freie Märkte und eine politische Stabilität sind also wichtige Voraussetzungen für den Erfolg des Tourismus.
Trends im Tourismus gibt es viele, zumindest scheint es auf den ersten Blick so zu sein. Aber wie entsteht überhaupt ein Trend? Um diese Frage beantworten zu können, muss man zuerst einmal zwischen langfristigen und kurzfristigen Trends unterscheiden. Roland Junker beispielsweise, Manager bei Neckermann, sieht die Reiseveranstalter und die Medien als Trendsetter. Indem neue Ziele und Angebote in einen Katalog aufgenommen werden und die Medien darüber berichten, entstünden neue Trends. Aber auch wirtschaftliche Faktoren können eine wichtige Rolle spielen. Wenn beispielsweise der Dollarkurs sinkt, reisen wieder mehr Menschen in die USA. Manchmal sind es auch ganz triviale Gründe, die eine Destination boomen lassen: die Betten- oder Flugkapazität beispielsweise. Gut angebundene Ziele wie Dubai profitieren zurzeit von einem enormen Zuwachs. Nun gibt es auch Störfaktoren, welche die touristische Entwicklung beeinflussen. Kerosinzuschläge, Naturkatastrophen oder auch Terrorismus gehören dazu. Die Erfahrung zeigt, dass all diese Faktoren in der Regel einen ausgeprägten Trend nicht aufhalten können und somit auch nur kurzfristig wirken.
Anders sieht es beim Thema Klimawandel aus. Wie sehr dieser Faktor die Entwicklung beeinflussen wird, ist noch nicht absehbar und die Meinungen gehen hier auseinander. Sicherlich ist der Klimawandel eine Herausforderung für die Entwicklung des Tourismus und muss langfristig beobachtet werden. Das Bewusstsein in der Reisebranche jedenfalls wächst schnell: Die angekündigten Klimatickets der Airlines sind dafür ein Beleg. Auch neue Hotelgrossprojekte wie «Port Ghalib» in Ägypten ziehen verstärkt Umweltanliegen bereits früh in die Planung ein (siehe aktuelle ST, Seite 21).

«Die Grundmotive fürs Reisen sind konstant», stellt David Bosshart fest. Aber die Märkte würden sich, so der GDI-Direktor, künftig deutlicher unterscheiden, und damit differenzieren sich auch die einzelnen Reisemotive immer stärker aus. In Zukunft wird es mehr individualisierten Massenkonsum geben. Pauschalangebote verschwinden weitgehend und machen À-la-carte-Angeboten Platz.
Die Schere zwischen Billigangeboten und exklusiven Reisen geht zunehmend weiter auf. Die Suche nach Vergnügen und Abenteuer treibt einige in die weite Welt hinaus, um sich abzulenken oder zu verlieren. Menschen aus der Single-Gesellschaft sehnen sich vermehrt nach Gemeinsamkeit, dem Zusammensein mit Freunden und Familie. Stressgeplagte und reizüberflutete Menschen suchen ihren Ausgleich in der Ruhe, bleiben zu Hause oder in der gewohnten Umgebung. Auf der Suche nach Neuem setzt sich der Mensch selber wieder in den Mittelpunkt, meditative Erfahrungen werden wichtiger als das Entdecken neuer Kulturen. Wachsender Wohlstand erlaubt uns den Besitz materieller Güter. Das Reisen als Erfahrungsschatz erhält eine höhere Wertschätzung, die Luxusreisen nehmen zu und gelten als neues Statussymbol.
Mit «Future Traveller Tribes 2020» stellt aktuell das Henley Center HeadlightVision in Kooperation mit der Amadeus IT Group eine Studie vor, die sich einem verstärkten Schwerpunkt «Reisen und neue Technologien» widmet.
Obwohl die Studie für den Luftverkehr erstellt wurde, sind viele Aussagen darin auf die gesamte Tourismusbranche übertragbar. Ein zentraler Punkt in dieser Studie ist die Gesellschaft. Future Traveller Tribes 2020 untersucht die wichtigsten Veränderungen durch die Globalisierung und wie sie sich auf das Reiseverhalten der Menschen auswirken werden. Erstmals werden wichtige Makrotrends, der Wandel im Konsumverhalten und technologische Innovationen in Beziehung zueinander gestellt, um herauszufinden, welche Reisenden mit welchen Bedürfnissen für die Tourismusbranche in Zukunft interessant werden.
Aus diesem Grund betrachtet die Amadeus-Studie vier – in der Zukunft wichtige – Kategorien von Reisenden. Diese vier Typen repräsentieren nicht die gesamte Gesellschaft, aber sie werden aufgrund ihrer Zahl für den Tourismus in Zukunft wichtig sein und ihn prägen:
1. Aktive Senioren
Im Jahr 2020 wird die Gruppe der aktiven
Senioren in Westeuropa die Mehrheit ausmachen. Diese Gruppe reist gerne, allerdings mit dem Vorbehalt, dass das Reisen selber komfortabler wird und dass neue Technologien die alten Menschen beim Reisen unterstützen, um ihnen die Orientierung in der Fremde zu vereinfachen. Der Mensch wird immer älter und investiert in seine Gesundheit. Das bedeutet, dass medizinische Aspekte und Wellness in
Zukunft stark zunehmen werden. Ausserdem verfügt diese Gruppe über die nötigen Mittel, um vermehrt Kurzferien zu buchen und den Ruhestand zu geniessen.
2. Globale Klans
Schon seit Jahren nimmt die Zahl derer, die
ihre Heimat verlassen, zu. Derzeit gibt es bereits über 180 Millionen Migranten weltweit. Familien, die über die Kontinente verteilt sind, werden einen weiteren Anteil der reisenden Bevölkerung ausmachen. Hier stehen das Zusammensein und Zusammenkommen in ruhiger Atmosphäre im Vordergrund. Die Ferien werden genutzt, um die Familie zu besuchen. Für Angehörige dieser Gruppe werden die Preise und Buchungsmodalitäten zu wichtigen Schlüsselfaktoren werden. Menschen aus dieser Gruppe verzichten beim Reisen auf den Komfort zugunsten des Preises. Globale Klans reisen häufig miteinander. Reiseanbieter müssen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Familienmitglieder eingehen können.
3.Weltoffene Berufspendler
Wir sprechen hier von Menschen, die an unterschiedlichen Orten wohnen und arbeiten. Die moderne Kommunikation und flexible Arbeitsmodelle steigern die Lebensqualität dieser Menschen und erhöhen die Karrierechancen an einem anderen Ort. Pendler stehen aber unter Zeitdruck und möchten die Reisezeit so angenehm wie möglich verbringen. Sie wollen nach einer stressigen Woche auf ihrem Heimweg abschalten und sind auf erholsames Reisen angewiesen. An die Reiseanbieter stellt diese Gruppe ausserdem den Anspruch, schnell und problemlos von unterwegs aus arbeiten zu können. Sie brauchen stets Zugang zu den notwendigen Technologien. Ausserdem verlangt diese Gruppe Flexibilität beim kurzfristigen Umbuchen.
4. Internationale Führungskräfte
Dabei handelt es sich um leitende Angestellte, die geschäftlich vorwiegend in der Business- oder Premiumklasse reisen. Menschen aus dieser Gruppe sind anspruchsvoll und erwarten hohe individualisierte Dienstleistungen. Die Reiseanbieter sind gefordert, diesen Reisenden einen zugeschnittenen Service anzubieten, damit die kostbare Zeit der Manager effizient genutzt werden kann und ihnen auch auf der Reise alle technischen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden.
Technologien müssen künftig intuitiv und menschlicher werden und während des gesamten Reiseprozesses auf den Kunden eingehen. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der Amadeus-Studie. Die Entwicklung betrifft im Wesentlichen folgende Bereiche: Sichere digitale Identitäten, integrierte Informationssysteme, geografische Echtzeit-Informationen sowie neue Kommunikationstechnologien. Dieser Aspekt zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Prozess. Von der Buchung, über Check-in, die Reise selber, bis hin zur Kofferausgabe werden die Technologien die Prozesse vereinfachen, den Menschen begleiten und das Reisen einfacher und persönlicher gestalten.

So vielfältig wie die Motive fürs Reisen sind, so vielfältig präsentieren sich auch die Destinationen der Zukunft. Die grosse Frage bleibt, wie sich die einzelnen Orte voneinander unterscheiden können. Hier sieht David Bosshart die grosse Chance für die einzelnen Länder: «Die Länder können ihr Image relativ kurzfristig ändern, und das müssen sie auch.» Europa hat laut Bosshart gute Chancen, in
Zukunft gut bereist zu werden, dank langer Traditionen und Werten.
Boomstädte wie Dubai können nicht auf den festen Wert von Tradition und Kultur setzen, sondern suchen ihr Glück in der Imitation westlicher Kulturgüter wie beispielsweise Venedig. «An Traditionen anknüpfen ist immer billiger als Neues aufzubauen», weiss David Bosshart. Wer also keine Traditionen hat, muss zukünftig viel – unter anderem auch ins Marketing – investieren.
Letzlich müssen die Veranstalter selber wieder vermehrt auf die Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen. Die einzelnen Studien bestätigen, wie wichtig es ist, dem Menschen in Zukunft wieder mehr Individualität zu bieten. Es kann nicht sein, dass dem Kunden Destinationen angeboten werden, nur weil der Flieger noch freie Plätze dorthin hat. Eines ist sicher: Veranstalter, die auch in Zukunft erfolgreich agieren und wachsen wollen, müssen den Reisenden wieder ins Zentrum aller Überlegungen stellen.